Stiftsgarten, Tübingen

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erste schritte auf der kreiselnden erde
der schwankende grund
du spürst ihn
noch ist balance
eine kunst und alles
muß gelernt sein gehen
auf schwankendem kahn auf dem fluß
den zweig in der hand auf mich zu
stolz dein geschenk vor dir her
der weidenzweig vom ölbaum am neckar
konnte noah sich heller freuen als die taube geflogen kam?
die sintflut ist überall staudämme tückisch
die ufer begradigt sie täuschen sich nur
ich höre die flut und ich sehe mein kind
einen zweig in der hand

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der baum über mir mit seinen sommeräpfeln
duldet mich
wie schön er mich anschaut
bist du lieb fragt mein kind?
du bist nicht bös sagt es
der baum ist
schenkt äpfel schatten trost
gespräche mit vögeln
alles was ich brauche
der neckar mit seinen fischen
weder lieb noch bös
ein grab
so grün und sanft
bin so frei sagt der neckar er kann nicht sprechen


Hölderlin war nicht in Tübingen
Er ist nicht hier gewesen
er hatte hier nichts zu finden

Er schaute nicht aus dem Fenster
er las keine Bücher
er zog nichts nach sich
er hinterblieb nicht

Er wankte nicht über die Straße
er zog keinen Hut
er ging nicht über die Brücke
er legte seinen Arm um nichts

Er ist nicht hier gewesen
er lebte um keinen Preis
er lebte woanders

 

Mütter

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projektionsanfällig
basteln fleißig mit
legen alles ab
fangen von vorne an
jeden tag sisyphus
war eine frau

 

36
die rabenmutter ist eine gute mutter
gut genug
über das kuckucksweibchen spricht keiner
die deutsche sprache hat nie
ornithologie studiert

 

74
werden evaluiert
schlucken ovulationshemmer
das nennt man evolution

 

89
mit muttern und dübeln
reich wurde der fabrikant
mütter sind oft arm
sie vermarkten sich schlecht
imagekampagnen unpassend
über dem brunnen meines vororts stand:
ehret die mütter die quellen des lebens
darunter: kein trinkwasser

 

mutter

60
war ihr sargnagel
ging flöten als kind
nachbarschaftshilfe
und erste fluchten
die straßburgerstraße führte nach frankreich
blinde justitia
was ich heute einstecke
weibliche linie
ein horizont

 

61
achte meine erst jetzt
wo ich selbst
abbitte täglich
würde dir gerne einen roten teppich
ausrollen dem sonnenuntergang
konkurrenz

 

64
immer wollte ich weit weg
nie so leben wie du
deine sprache der liebe
mutterkuchen
ich backe nur kleine brötchen
kann man von worten leben?
aber die horizontlinie -
parallelen schneiden sich im all-
tag

 

Liebe und andere Reisen

umarmung

 

nachts deine arme
spüren im erwachen
erinnere mich dass es dich gibt
könnte auch ein engel sein
oder eine mutter
eine erinnerung an etwas
was es vielleicht nie gab
nur der abdruck in mir
des ersten wunsches der menschen
im mutterleib und in den höhlen
als sie pferde wisente mammuts malten
ihre hände hinterließen
bunt für alle zeiten

 

alltägliche fragen

dass wir alle aus dem wasser kommen
und wasser sind
und wieder wasser werden
oder nur darüber verstreut?
asche in dinkelbrot
letzter proviant?
dass wir staub sind
sternenstaub und daher kommen
und wieder werden wollen
verbrannt und ausgestreut aus einem heißluftballon
dass wir staub wischen
und selber sind?
sind teil des ganzen
warum hören wir dann das lied des kuckucks
und zählen mit ihm?
woher weiß er, der in fremden nestern wuchs
wer seine brüder sind?
mit wem er schnäbeln wird
alles staub, wasser, DNA?
der kuckuck ruft
nach seinesgleichen
die er nicht kennt
also kehren wir doch nicht zurück
ins paradies
sind auf sehnsucht gepeilt
auf kuckucksruf
und länder der sterne
dorthin wo wir nicht sind
noch darüber wissen
ins offene all

 

spätsommer in käsmu 3

findlinge darf man nicht verrücken
vor dem stürmischgrauen meer
verschenkt aarne duftende äpfel
das meer spielt die wandererphantasie
auf dem flügel eines russischen komponisten
der hier gestrandet vor langer zeit
findlinge darf man nicht verrücken
wir warten auf schiffe wie die witwen
auf den kapitän ihres herzens
der spielt schubert und sieht nicht das meer das leise kläfft
hinter ihm auf einem bild das aarne jeden tag malt
immer von seinem fenster das gleiche meer
das nie gleich ist warte auf meinen kapitän dort draußen
fuhr er vor langer zeit fort in einem anderen leben
von zeit und die findlinge sprechen:
man darf nicht daran rücken